Die Forschergruppe untersucht an gesellschaftlichen Umbrüchen vom 13.–16. Jahrhundert, inwiefern sich das Konzept der Resilienz, das auf Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationspotentiale in heutigen Gesellschaften zugeschnitten ist, in einer geistes- und sozialwissenschaftlichen Lesart auf die Analyse historischer Konstellationen übertragen lässt. Sie geht der Frage nach, ob die empirischen und konzeptionellen Erträge dieser Analysen zugleich für eine historische wie gegen­wartsbezogene Typen- und Theoriebildung fruchtbar gemacht werden können. In der systematischen Verzahnung von mediävistischer Forschung mit wissenssoziologisch angeleiteter soziologischer Theorie­bildung wird sie historisch-empirische Typologien von Resilienzprozessen, Resilienzressourcen, Resi­lienzstrategien und Resilienzdispositionen entwickeln und diese Konzepte für die geistes- und sozial­wis­senschaftliche Forschung nutzbar machen. Mit ihrem Zuschnitt geht es der Forschergruppe insbesondere darum, die Bedeutung unterschiedlicher Formen gesellschaftlicher Deutungsmuster und Selbst­beschrei­bungen für den Ablauf und die Ergebnisse von Resilienzprozessen zu untersuchen. Dies wird durch eine dreifache analytische Perspektivierung ermöglicht, die gesellschaftliche Umbruchsituationen in sozio-politischer, sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Hinsicht in den Blick nimmt.

An der Forschungsarbeit beteiligen sich in der ersten Förderphase (01.07.2016-30.06.2019) sechs Projekte aus der Soziologie und der Mediävistik, vertreten durch die Fächer Ältere Deutsche Philologie, Rechtsgeschichte und Mittelalterliche Geschichte:

  • Projekt 1 „Aschkenasische Juden im späten Mittelalter: Reaktion auf Verfolgung, Entrechtung und Vertreibung“
  • Projekt 2 „Resilienz in Süditalien unter den frühen Anjouherrschern (1266-1309)“
  • Projekt 3 „Theorie der Resilienz“
  • Projekt 4 „Stadtkultur und Resilienz. Das Fastnachtspiel auf Nürnbergs Bühne vor und nach der Reformation“
  • Projekt 5 „Rechtsrezeption und Resilienz. Das Kreditrecht des Ius Commune“
  • Projekt 6 „Eine resiliente Stadt: Die Republik Venedig im 15. Jahrhundert“

Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist die Annahme, dass das Resilienzkonzept, das angesichts einer von Umbrüchen gekennzeichneten und als besonders krisenhaft gedeuteten Gegenwart im Wissenschaftsdiskurs und in den gesellschaftlichen Debatten ‚Karriere‘ macht, in besonderem Maße zu einem Vergleich mit den – gemeinhin als Spätmittelalter und Beginn der frühen Neuzeit etikettierten – Jahr­hunderten nach ca. 1250 herausfordert. Dabei wird von der Erwartung ausgegangen, in epochenübergreifend angelegten Untersuchungen der Zeit von ca. 1250 bis ca. 1600 das analytische Potential des auf disruptive Ereignisse und Umbruchsituationen zugeschnittenen Resilienzkonzepts in historisch komparativer Perspektive zu erschließen und auf diese Weise den beteiligten Fächern innovative, zukunftsweisende Sichtweisen zu eröffnen.

Die Untersuchungen folgen in den Projekten drei übergreifenden Leitfragen:

  1. Welche Ideen von Bewältigung, Anpassung oder Transformation ermöglichen es welchen Akteuren, welche sozialen Einheiten über bestandsgefährdende Umbrüche hinweg zu stabilisieren, zu tradieren oder langfristig transformierend zu erhalten?
  2. Welche sozio-politischen, sozio-ökonomischen oder sozio-kulturellen Ressourcen erweisen sich als förderlich für die produktive Verarbeitung erfahrener oder ex post rekonstruierter disruptiver Ereignisse?
  3. Welche Nebenfolgen haben Resilienzprozesse in welchen zeitlichen Zyklen für Bestand und Wandel unmittelbar oder nur mittelbar von diesen betroffener sozialer Einheiten?

Ziel der Forschergruppe ist es, in einer innovativen und bislang einzigartigen Weise Typologien zu entwickeln, welche Prozesse von Resilienz, ihre Dauer, ihre zeitliche Schichtung, die dabei beobachtbaren Handlungsoptionen der beteiligten Akteure (ihre Resilienzstrategien und -dispositionen) und die in diesen Prozessen eingesetzten ideellen und materiellen Ressourcen zu erfassen.