Projekt 1 „Aschkenasische Juden im späten Mittelalter: Reaktionen auf Verfolgung, Entrechtung und Vertreibung“

Das Projekt untersucht Handlungsoptionen und Resilienzstrategien der jüdischen Minderheit in Aschkenas, d.h. im römisch-deutschen Reich und den daran angrenzenden Siedlungsgebieten deutschsprachiger Juden (Oberitalien, Ostmitteleuropa), angesichts vielfältiger und tiefgreifender Disruptionserfahrungen vom 14. bis frühen 16. Jahrhundert. Als bestandsbedrohte Einheit wird dabei die kollektive Praxis jüdischen Lebens in Familien, Haushalten und Gemeinden verstanden. Das Projekt fragt nach strukturellen Voraussetzungen, Akteurskonstellationen und konkreten Handlungen, die dazu geeignet waren, mittel- und langfristig akzeptable Rahmenbedingungen für den Fortbestand der jüdischen Religion als Lebensform in der christlichen Umgebung zu sichern.

Unter dieser Leitperspektive werden in der ersten Förderperiode die tiefen Einbrüche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts als Ausgangslagen für zwei vergleichend angelegte Studien zu den jeweils anschließenden Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationsprozessen gewählt: (1.) die schweren Judenverfolgungen von 1348–50 im Kontext der Pest mit ihren demographischen, ökonomischen und sozialen Folgen, und (2.) die Verdichtung gewaltsamer Übergriffe und herrschaftlicher Repressionen zwischen ca. 1380 und 1420: ‚Judenschuldentilgungen‘ (1385 und 1390–93), lokale Pogrome sowie Vertreibungen aus Städten und Territorien. In einer zweiten Förderperiode soll (3.) die abermalige Verdichtung rechtlicher und ideologischer Exklusionsbemühungen und disruptiver Ereignisse in den 1470er Jahren im Hinblick auf die den jüdischen Familien und Gemeinden verbliebenen Optionen untersucht werden.

Es wird untersucht, wie aschkenasische Juden versuchten, die skizzierten Einbrüche zu überwinden. In sozio-ökonomischer Perspektive fragt es danach, wie Individuen und Familien darum bemüht waren, Netzwerke (Heiratsverbindungen, Kapital- und Risikogemeinschaften) zu reparieren und neue zu knüpfen, und nach dem Stellenwert der Migration (Transfers von Kapital, Wissen und Normen). In sozio-politischer Hinsicht untersucht es die fragilen Beziehungen jüdischer Individuen und Gemeinschaften zu den christlichen Herrschaftsträgern, die die geschwächten jüdischen Gemeinden vor stets neue Aufgaben stellten. In sozio-kultureller Perspektive gilt es deshalb die Bemühungen um innere Stabilisierung zu untersuchen (z. B. in Memoria), wobei auch die seit dem 15. Jahrhundert wieder zahlreicher überlieferten hebräischen Quellen Berücksichtigung finden können.

Das Projekt baut in erster Linie auf prosopographische Daten zu den jüdischen Akteuren auf, die zumeist in volkssprachlichen und lateinischen Quellen vorliegen. Es erschließt daraus Handlungsoptionen, -spielräume und -muster, die als Resilienzstrategien bewertet wurden oder bewertet werden können. So lassen sich bspw. ressourcenstarke Akteure (etwa Bankiers) von abhängigen, ressourcenschwachen Haushaltsmitgliedern und von kollektiven Akteuren in Gestalt der jüdischen Gemeinden unterscheiden.