Projekt 4 „Stadtkultur und Resilienz: Das Fastnachtspiel auf Nürnbergs Bühnen vor und nach der Reformation“

Das Projekt untersucht Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationspotentiale der reichsstädtischen Kultur angesichts der radikalen Umbrüche des 16. Jahrhunderts in Nürnberg: Die faktische Umsetzung der Reformation brachte konfessionelle, politische und auch ökonomische Erschütterungen mit sich und stellte den Nürnberger Stadtrat vor die Herausforderung, die Reichsstadt zwischen altgläubigem (Kaiser, Bistümer) und reformatorischem (Schmalkaldischer Bund) Druck im Gleichgewicht zu halten. Diese diplomatische Haltung spiegelt sich geradezu in der von dem politisch marginalisierten Handwerkerstand als Medium der Selbstbeobachtung und -regulierung genutzten Fastnachtspiel wider, das moralische Belehrung und praktische Lebensanleitungen vermittelt und zum Erhalt des städtischen Friedens aufruft. Ob diese demonstrierte Ordnungsbestätigung eine Form der politischen Partizipation der Handwerker darstellt, ist in sozio-politischer Perspektive zu prüfen.

In sozio-kultureller Perspektive deutet das Projekt das traditionsgebundene Ausdrucksmedium Fastnachtspiel als anpassungsfähige und innovative Form literarischer Krisenbewältigung: Die Spiele übersetzen krisenhafte Erfahrungen in fiktive Möglichkeitsräume und verarbeiten Momente der Verunsicherung. Ihr performativer Charakter ermöglichte die direkte Wirkung literarisch erarbeiteter und dramatisch erprobter Resilienzstrategien auf die Rezipienten. Die Entschlüsselung tradierter Muster und Motive, moralisch-didaktischer Tendenzen, ästhetischer Weiterentwicklungen sowie sozialer Normierungen als Antwort auf Umbruchssituationen wird ermöglicht durch die Analyse verdichteter urbaner Kommunikationssituationen. Demnach ist in sozio-ökonomischer Perspektive zu fragen, welche akteursspezifischen Netzwerke (Spielgruppen, Singschulen, Ratsvertreter) und stadträumlichen Ressourcen auf das Fastnachtspiel einwirken.

Die Studie zum Thema „Das Nürnberger Fastnachtspiel und die Etablierung der Reformation“ widmet sich den zwischen 1517 und 1560 entstanden Spielen. Diese werden in ihrem historischen Kontext betrachtet, aber auch die Tradition der vorreformatorischen Spiele gestellt, statt als neubeginnendes Moraldrama gedeutet zu werden.